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Schmerzen verstehen – wenn die Ursache nicht am Schmerzort liegt - Serie (2/2)

Tony
29. Apr.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Aug.

Teil 2 - Der Fuß als Ursache von Kniebeschwerden


Einleitung


Knieschmerzen werden häufig direkt im Knie behandelt. Doch der Bewegungsapparat arbeitet als zusammenhängende kinetische Kette. Veränderungen in einem Gelenk können die Belastung in anderen Bereichen deutlich beeinflussen.

Neben der Hüfte spielt besonders der Fuß eine wichtige Rolle für die Belastung des Kniegelenks.

Der Fuß bildet die Basis der gesamten Beinachse. Veränderungen in der Fußmechanik können sich über Sprunggelenk und Unterschenkel bis zum Knie übertragen und dort die Gelenkbelastung verändern.


Der Fuß als Fundament der Bewegung


Einbeiniges Kreuzheben als Hüftstabilisation
Der Fuß mit seinen Gewölben

Der menschliche Fuß besteht aus 26 Knochen, zahlreichen Gelenken und einem komplexen Band- und Muskelsystem. Seine Aufgabe ist es nicht nur, das Körpergewicht zu tragen, sondern auch:


  • Kräfte beim Gehen und Laufen zu verteilen

  • Stabilität während der Standphase zu gewährleisten

  • Bewegungen des gesamten Beins zu beeinflussen


Besonders wichtig ist dabei das mediale Fußgewölbe.

Dieses wirkt wie eine elastische Feder. Es speichert Energie während der Belastung und gibt sie beim Abstoßen wieder frei.

Ist diese Struktur instabil oder arbeitet sie nicht optimal, kann sich die Mechanik der gesamten Beinachse verändern.


Wenn der Fuß nach innen kollabiert


Ein häufiges Bewegungsmuster ist eine übermäßige Pronation des Fußes.

Dabei sinkt das Fußgewölbe stärker ab und der Fuß rotiert nach innen.

Diese Bewegung überträgt sich auf den Unterschenkel. Die Tibia rotiert nach innen, wodurch sich auch die Stellung des Oberschenkels verändern kann.

In der Folge kann sich die Beinachse verändern und das Knie bewegt sich verstärkt nach innen.


Biomechanisch kann dies zu:


  • erhöhter Belastung des patellofemoralen Gelenks

  • veränderter Druckverteilung im Knie

  • erhöhten Scherkräften im Gelenk


führen.


Die oft unterschätzte Rolle der Großzehe


Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Funktion der Großzehe.

Während des Gehens und Laufens übernimmt die Großzehe eine zentrale Rolle beim Abstoß. Sie beeinflusst über muskuläre und myofasziale Verbindungen die Stabilität der gesamten unteren Extremität


Ist die Beweglichkeit der Großzehe eingeschränkt – beispielsweise durch Schuhe, Hallux valgus oder eingeschränkte Gelenkbeweglichkeit – kann der Körper den Abstoß nicht optimal durchführen.


Häufig entstehen dann kompensatorische Bewegungen:


  • verstärkte Pronation im Fuß

  • veränderte Belastung im Sprunggelenk

  • erhöhte Belastung im Knie


Pronation ist ein natürlicher Bestandteil der Stoßdämpfung beim Gehen und Laufen. Problematisch wird sie vor allem dann, wenn sie übermäßig auftritt oder die muskuläre Kontrolle des Fußgewölbes unzureichend ist.


Beispiel aus der Praxis


Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie stark die Fußmechanik die Belastung des Kniegelenks beeinflussen kann.


Ein Klient stellte sich mit wiederkehrenden Schmerzen an der Innenseite des rechten Knies vor. Die Beschwerden traten vor allem beim Joggen, bei längeren Spaziergängen und gelegentlich beim Treppenabwärtsgehen auf. Orthopädische Untersuchungen des Kniegelenks selbst zeigten keine relevanten strukturellen Schäden. Die Empfehlung lautete zunächst, die Belastung zu reduzieren, Einlagenversorgung und das Knie lokal zu behandeln.

In der funktionellen Analyse zeigte sich jedoch ein differenzierteres Bild.


Bewegungsanalyse


Im Rahmen einer Videoanalyse während Gehen, einbeinigen Kniebeugen und Laufbewegungen fiel ein deutliches Einsinken des medialen Fußgewölbes während der Belastungsphase auf.


Während der Standphase rotierte der Fuß verstärkt nach innen. Diese Bewegung übertrug sich auf den Unterschenkel, wodurch eine verstärkte Innenrotation der Tibia entstand.


Diese Rotationsbewegung setzte sich weiter nach oben fort und beeinflusste schließlich auch die Stellung des Kniegelenks.


Biomechanisch bedeutet das:

  • verstärkte Pronation im Fuß

  • Innenrotation des Unterschenkels

  • veränderte Belastung der medialen Knieanteile

  • erhöhte Scherkräfte im Kniegelenk


Solche Bewegungsmuster werden häufig mit Überlastungsbeschwerden im Kniebereich in Verbindung gebracht.


Kraftmessung der Fußmuskulatur


Zusätzlich wurde eine funktionelle Kraftmessung der Fußmuskulatur durchgeführt.

Dabei zeigte sich insbesondere eine reduzierte Aktivität der intrinsischen Fußmuskulatur, also der kleinen stabilisierenden Muskeln im Fußgewölbe.

Diese Muskulatur übernimmt eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung des Fußes während der Standphase. Ist sie geschwächt oder schlecht aktiviert, kann das Fußgewölbe unter Belastung stärker absinken.


Zusätzlich zeigte sich eine eingeschränkte Kraft der Tibialis-posterior-Muskulatur, die ebenfalls maßgeblich zur Stabilität des medialen Fußgewölbes beiträgt.

Diese Kombination begünstigt ein stärkeres Kollabieren des Fußgewölbes während dynamischer Belastung.


Einfluss der Alltagsschuhe


Ein weiterer relevanter Faktor zeigte sich bei der Analyse der Alltagsschuhe des Klienten. Berufsbedingt trug er täglich enge Business-Schuhe mit schmaler Zehenbox. Solche Schuhe können die natürliche Funktion der Zehen deutlich einschränken. Besonders die Großzehe spielt eine wichtige Rolle für die Stabilität des Fußes beim Gehen und Laufen.

Konventionelle Schuhe mit enger Zehenbox
Konventionelle Schuhe mit enger Zehenbox

Wenn die Zehen dauerhaft in engen Schuhen zusammengedrückt werden, können mehrere Veränderungen entstehen:


  • reduzierte Aktivität der Zehenmuskulatur

  • eingeschränkte Beweglichkeit der Großzehe

  • geringere Stabilität des Fußgewölbes

  • veränderte Druckverteilung im Vorfuß


Langfristig kann dadurch die Fähigkeit des Fußes abnehmen, Kräfte effizient aufzunehmen und weiterzuleiten. Gerade bei Menschen, die viele Stunden täglich solche Schuhe tragen, zeigt sich in der Praxis häufig eine reduzierte Fußstabilität.


Analyse des Standfußes
Analyse des Standfußes

Biomechanisch bedeutet das:


  • verstärkte Pronation im Fuß

  • Innenrotation des Unterschenkels

  • erhöhte Belastung der medialen Knieanteile

  • veränderte Druckverteilung im Gelenk


Diese Belastungsveränderungen können erklären, warum im Ultraschall reaktive Reizzustände im medialen Kniebereich sichtbar waren.


Bedeutung des Befundes


Der Befund im Knie war also nicht falsch – er zeigte eine lokale Reaktion auf wiederholte Belastung. Die eigentliche Ursache der Belastung lag jedoch nicht im Knie selbst, sondern in der Mechanik des Fußes und der daraus resultierenden Veränderung der Beinachse.


Trainingsansatz


Der Trainingsansatz konzentrierte sich deshalb nicht ausschließlich auf das Knie, sondern auf die Verbesserung der Fußfunktion und Beinachsenkontrolle.


Der Trainingsplan umfasste unter anderem:


  • Übungen zur Aktivierung der Fußmuskulatur

  • Training der Großzehenbeweglichkeit

  • Stabilisationsübungen für Fuß und Sprunggelenk

  • Integration der Fußarbeit in funktionelle Bewegungen wie Kniebeugen und Ausfallschritte

  • gewichtsreduziertes Training auf dem AlterG zur Erhaltung der Laufökonomie bei gleichzeitig reduzierter Gelenkbelastung

Das AlterG Antischwerkraft-Laufband
Das AlterG Antischwerkraftlaufband

Durch die Verbesserung der Fußstabilität konnte auch die Kontrolle der gesamten Beinachse verbessert werden.


Bedeutung für die Praxis


Dieses Beispiel zeigt, dass der Ort des Schmerzes nicht immer mit dem Ort der Ursache übereinstimmt.

Der Fuß beeinflusst über die mechanische Verbindung der unteren Extremität direkt die Stellung von Unterschenkel und Knie. Eine eingeschränkte Fußfunktion kann deshalb langfristig zu veränderten Belastungen im Kniegelenk führen.


Fazit


Der Fuß ist ein entscheidender Bestandteil der Bewegungskette der unteren Extremität. Wenn seine Stabilität oder Beweglichkeit eingeschränkt ist, können sich die Kräfte über Sprunggelenk und Unterschenkel bis zum Knie übertragen.

Bei Knieschmerzen lohnt sich daher häufig ein genauer Blick auf die gesamte Bewegungskette – von der Hüfte bis zum Fuß.

Gezieltes Training kann helfen, diese Zusammenhänge zu verbessern und die Belastung im Kniegelenk langfristig zu reduzieren.




Quellen:

Powers CM (2010). The influence of abnormal hip mechanics on knee injury. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy

Dierks et al. (2008). Proximal and distal influences on patellofemoral pain. Medicine & Science in Sports & Exercise

Neal et al. (2016). Foot posture as a risk factor for lower limb injury. Journal of Foot and Ankle Research

McKeon et al. (2015). The foot core system. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy

Crossley et al. (2016). Patellofemoral pain consensus statement. British Journal of Sports Medicine


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