Schmerzen verstehen – wenn die Ursache nicht am Schmerzort liegt - Serie (1/2)
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Teil 1 - Die Hüfte als Ursache von Knieschmerzen

Einleitung
Knieschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden im Bewegungsapparat. Viele Betroffene vermuten die Ursache direkt im Kniegelenk selbst.
In der funktionellen Betrachtung zeigt sich jedoch häufig ein anderes Bild: Das Knie ist anatomisch gesehen ein „Durchgangsgelenk“, das stark von der Bewegung der angrenzenden Gelenke beeinflusst wird. Besonders die Hüfte spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wenn Beweglichkeit, Kraft oder Kontrolle in der Hüfte eingeschränkt sind, können sich die Kräfte im Kniegelenk deutlich verändern.
Das Knie als „Opfergelenk“
Das Knie besitzt im Vergleich zu Hüfte und Sprunggelenk nur begrenzte Bewegungsmöglichkeiten. Es ist primär für Beugung und Streckung ausgelegt. Rotationsbewegungen oder seitliche Bewegungen kann das Gelenk nur eingeschränkt ausgleichen. Wenn die Hüfte ihre Funktion nicht ausreichend erfüllt, wird das Knie häufig gezwungen, Bewegungen zu kompensieren, für die es biomechanisch eigentlich nicht vorgesehen ist. Das kann langfristig zu Überlastung und Schmerzen führen.
Die Rolle der Hüftmuskulatur
Besonders wichtig für die Stabilität des Knies ist die seitliche Hüftmuskulatur, vor allem:
Gluteus medius
Gluteus maximus
tiefe Hüftrotatoren
Diese Muskeln kontrollieren die Position des Oberschenkels während Bewegung.
Sind sie zu schwach oder schlecht aktiviert, kann es zu einer sogenannten dynamischen Knievalgus-Bewegung kommen.
Dabei bewegt sich das Knie beim Gehen, Laufen oder Kniebeugen nach innen.
Diese Fehlbewegung erhöht die Belastung auf:
Knorpel
Meniskus
Patellofemoralgelenk
Beispiel aus der Praxis
Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht, wie häufig die Ursache von Knieschmerzen nicht direkt im Knie selbst liegt.
Eine sportlich aktive Klientin stellte sich mit wiederkehrenden Schmerzen im vorderen Kniebereich vor, insbesondere beim Joggen, bei längeren Wanderungen und beim Treppenabwärtsgehen. Orthopädische Untersuchungen und bildgebende Diagnostik hatten zuvor keine relevanten strukturellen Schäden gezeigt. Die Beschwerden wurden zunächst als „Überlastung der Kniescheibe“ eingeordnet. Sie solle den Oberschenkel & Hüftbeuger mehr dehnen, war die Empfehlung der Ärzte und bisherigen Physiotherapeuten.

In der funktionellen Analyse zeigte sich jedoch ein differenzierteres Bild.
Bewegungsanalyse
Im Rahmen einer Videoanalyse während Kniebeugen, einbeinigen Landungen und Laufbewegungen zeigte sich eine Kombination mehrerer Bewegungsmuster.
Zum einen fiel ein deutliches Absinken des Beckens auf der Gegenseite während der Einbeinbelastung auf – ein klassisches Trendelenburg-Zeichen. Gleichzeitig rotierte der Oberschenkel der Standbeinseite vermehrt nach innen.
Diese Kombination führte während dynamischer Bewegungen zu einer veränderten Beinachse, bei der das Knie teilweise nach innen wanderte.
Biomechanisch bedeutet das:
das Becken verliert seitliche Stabilität
der Oberschenkel rotiert nach innen
die Patella wird stärker lateral belastet
die Druckverteilung im Knie verändert sich
Dieses Bewegungsmuster wird häufig mit patellofemoralen Beschwerden und vorderen Knieschmerzen in Verbindung gebracht.
Kraftmessung
Zusätzlich wurde eine isometrische Kraftmessung der Hüftmuskulatur durchgeführt. Dabei zeigte sich eine deutliche Asymmetrie. Die Abduktionskraft der betroffenen Seite lag etwa 25 % unter der Gegenseite, insbesondere im Bereich des Gluteus medius.
Diese Muskulatur ist entscheidend für:
Stabilisierung des Beckens
Kontrolle der Hüftrotation
Führung der Beinachse während dynamischer Belastung
Ist diese Stabilität reduziert, muss das Knie häufig Bewegungen kompensieren, für die es biomechanisch nicht optimal ausgelegt ist.
Einfluss hormoneller Faktoren
Ein weiterer interessanter Aspekt war, dass die Klientin berichtete, dass die Beschwerden besonders häufig in bestimmten Phasen ihres Menstruationszyklus auftraten. Hormonelle Schwankungen – insbesondere Veränderungen von Östrogen und Progesteron – können nachweislich die Eigenschaften von Bindegewebe und neuromuskulärer Kontrolle beeinflussen.
In manchen Zyklusphasen kann es zu:
leicht erhöhter Bandlaxität
veränderter Muskelaktivierung
geringerer neuromuskulärer Stabilität
kommen.
Bei bereits vorhandenen biomechanischen Schwächen – wie einer reduzierten Hüftstabilität – können diese Faktoren zusätzliche Belastung auf das Kniegelenk bringen.
Trainingsansatz
Der Trainingsansatz konzentrierte sich daher nicht primär auf das Knie, sondern auf die Verbesserung der Hüftstabilität und Bewegungskoordination.
Der Trainingsplan umfasste unter anderem:
Kräftigung der Hüftabduktoren
Übungen zur Kontrolle der Beckenstabilität
einbeinige Stabilisationsübungen
progressive Belastungssteigerung im Lauftraining
Trainingsplananpassung an Zyklusverlauf
Bereits nach einigen Wochen zeigte sich in der erneuten Videoanalyse eine stabilere Beckenposition während der Belastung. Parallel dazu reduzierten sich auch die Beschwerden im Knie deutlich.
Bedeutung für die Praxis
Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig eine funktionelle Betrachtung des Bewegungsapparates ist. Der Schmerz trat zwar im Knie auf – entscheidende Einflussfaktoren lagen jedoch in der Hüftstabilität und Bewegungskoordination.
Gerade bei Knieschmerzen lohnt sich deshalb häufig ein genauer Blick auf die gesamte Bewegungskette.
Ein Training, das auch die Hüfte einbezieht, kann dagegen mehrere Effekte haben:
bessere Beinachse
stabilere Kniebewegung
geringere Belastung im Gelenk
effizientere Kraftübertragung
Besonders wirksam sind Übungen, die Hüfte und Knie gemeinsam trainieren, etwa:
kontrollierte Kniebeugen
Ausfallschritte
Hüftabduktion und Hüftstreckung
Fazit
Das Knie ist selten ein isoliertes Problem. In vielen Fällen ist es Teil einer größeren funktionellen Kette. Eine eingeschränkte Hüftfunktion kann die Belastung im Knie deutlich erhöhen und so Schmerzen begünstigen.
Eine ganzheitliche Betrachtung des Bewegungsapparates hilft deshalb, die Ursachen von Beschwerden besser zu verstehen – und gezielter zu behandeln.
Training der Hüfte ist dabei oft ein entscheidender Bestandteil.
Teil 2
Neben der Hüfte spielt auch der Fuß eine wichtige Rolle für die Belastung des Kniegelenks. Im nächsten Artikel schauen wir uns deshalb an, welchen Einfluss Fußmechanik und Zehenfunktion auf Knieschmerzen haben können.
Quellen:
Powers CM (2010). The influence of abnormal hip mechanics on knee injury. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy
Ferber et al. (2015)Strengthening of the hip and core versus knee muscles for treatment of patellofemoral pain. Journal of Athletic Training
Willson & Davis (2008)Lower extremity mechanics of females with and without patellofemoral pain during running. Clinical Biomechanics
Semciw et al. (2016)Gluteus medius muscle function in people with hip and knee pain. British Journal of Sports Medicine
Crossley et al. (2016)Patellofemoral pain consensus statement. British Journal of Sports Medicine
Herzberg et al. (2017)The effect of menstrual cycle on ligament laxity and neuromuscular control. Sports Medicine




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