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Schmerz verstehen – warum Schmerz nicht immer Schaden bedeutet

Tony
30. März
4 Min. Lesezeit
Belastung durch chronische Schmerzen
Belastung durch chronische Schmerzen

Einleitung


Schmerz ist eines der häufigsten Symptome, wegen denen Menschen medizinische Hilfe suchen. Rücken, Knie, Schulter oder Nacken – viele Beschwerden werden automatisch mit strukturellen Schäden im Körper in Verbindung gebracht.

Doch moderne Schmerzforschung zeigt:


Schmerz ist kein direkter Sensor für Gewebeschäden.


Zwischen dem Zustand eines Gewebes und dem erlebten Schmerz besteht häufig keine einfache, lineare Beziehung. Menschen können starke Schmerzen haben, obwohl strukturell kaum etwas zu sehen ist – und umgekehrt können deutliche Veränderungen im MRT vorhanden sein, ohne dass Beschwerden auftreten.


Um Schmerzen sinnvoll zu behandeln, muss man deshalb verstehen, wie Schmerz im Körper tatsächlich entsteht.


Schmerz entsteht im Nervensystem


Schmerz wird nicht im Muskel, im Gelenk oder in der Bandscheibe erzeugt. Er entsteht im Nervensystem, genauer gesagt im Gehirn.

Gewebe senden lediglich Signale über mögliche Belastung oder Gefahr. Erst das Gehirn bewertet diese Informationen und entscheidet, ob ein Schmerzsignal erzeugt wird.


Diese Bewertung hängt von vielen Faktoren ab:

  • mechanische Belastung

  • Entzündungsprozesse

  • Stress und Schlaf

  • Ernährungszustand

  • Bewegungserfahrung

  • Angst vor Bewegung

  • frühere Verletzungen


Schmerz ist daher kein reiner Schadenindikator, sondern ein Schutzmechanismus des Körpers.



Strukturschäden erklären Schmerzen oft nur teilweise


Ein gutes Beispiel dafür sind MRT-Untersuchungen der Wirbelsäule.

Studien zeigen, dass viele Menschen ohne Rückenschmerzen trotzdem deutliche Veränderungen im MRT aufweisen, zum Beispiel:


  • Bandscheibenvorwölbungen

  • degenerative Veränderungen

  • Arthrose an den kleinen Wirbelgelenken


In einer bekannten Untersuchung hatten über 60 % der beschwerdefreien Menschen Bandscheibenveränderungen, ohne Schmerzen zu verspüren.

Das bedeutet nicht, dass solche Befunde bedeutungslos sind. Aber sie erklären Schmerzen oft nur teilweise.


Wenn das Nervensystem empfindlicher wird


Bei länger bestehenden Beschwerden kann das Nervensystem empfindlicher reagieren. Man spricht hier von Sensibilisierung. Dabei reagiert das Schmerzsystem stärker auf Reize, die eigentlich harmlos sind.

Das zentrale Nervensystem
Das zentrale Nervensystem

Typische Folgen sind:


  • Schmerz bei normalen Bewegungen

  • erhöhte Muskelspannung

  • schnelle Ermüdung

  • Angst vor Belastung


Diese Reaktionen sind keine Einbildung, sondern eine echte neurophysiologische Anpassung. Die gute Nachricht: Das Nervensystem kann sich auch wieder desensibilisieren – durch Bewegung, Training und positive Bewegungserfahrungen.


Bewegung verändert Schmerz


Regelmäßige Bewegung hat mehrere Effekte auf das Schmerzsystem.

Sie verbessert:


  • Durchblutung und Stoffwechsel im Gewebe

  • Gelenkführung und Stabilität

  • hormonelle Schmerzhemmung

  • Vertrauen in Bewegung


Außerdem aktiviert körperliche Aktivität sogenannte endogene Schmerzhemmungsmechanismen. Der Körper produziert dabei eigene schmerzlindernde Stoffe, unter anderem Endorphine.

Deshalb gehört Training heute zu den wichtigsten Therapien bei chronischen Schmerzen.


Angst vor Bewegung verstärkt Schmerzen


Viele Menschen vermeiden Bewegung aus Angst, etwas zu „verschlimmern“. Diese sogenannte Fear-Avoidance-Reaktion kann jedoch genau das Gegenteil bewirken.

Wenn Bewegung dauerhaft vermieden wird:


  • baut Muskulatur ab

  • Gelenke werden instabiler

  • das Nervensystem bleibt sensibel


Der Körper verliert also genau die Fähigkeiten, die ihn eigentlich schützen würden.

Ein sinnvoll aufgebautes Training kann diese Spirale durchbrechen.



Training als Lernprozess


Schmerztherapie bedeutet heute oft nicht nur, Schmerzen zu „behandeln“, sondern den Körper neu lernen zu lassen, dass Bewegung sicher ist.

Das geschieht durch:


  • kontrollierte Belastung

  • schrittweise Steigerung

  • Wiederholung positiver Bewegungserfahrungen


Mit der Zeit verändert sich dabei auch die Bewertung im Nervensystem.

Der Körper erkennt: Die Bewegung ist keine Gefahr mehr.



Ernährung und Schmerz – ein oft unterschätzter Faktor


Neben Bewegung beeinflusst auch die Ernährung, wie stark Schmerzen wahrgenommen werden. Der Grund liegt vor allem in Entzündungsprozessen und hormonellen Mechanismen, die direkt auf das Nervensystem wirken.


Entzündung beeinflusst Schmerz


Chronische Schmerzen gehen häufig mit einer erhöhten Aktivität entzündlicher Botenstoffe einher, zum Beispiel:


  • Interleukin-6 (IL-6)

  • Tumornekrosefaktor-α (TNF-α)

  • C-reaktives Protein (CRP)


Diese Stoffe können Schmerzrezeptoren empfindlicher machen und die Reizverarbeitung im Nervensystem verstärken.

Eine Ernährung mit vielen raffinierten Kohlenhydraten, stark verarbeiteten Lebensmitteln und Transfetten kann diese Prozesse fördern.

Umgekehrt zeigen Studien, dass eine entzündungsarme Ernährung Schmerzen bei chronischen Erkrankungen messbar reduzieren kann.

gesunde Fettquellen
gesunde Fettquellen

Omega-3-Fettsäuren und Schmerzregulation


Omega-3-Fettsäuren wirken nachweislich entzündungshemmend. Sie beeinflussen die Bildung sogenannter Resolvine und Protectine, die entzündliche Prozesse aktiv beenden können.


Gute Quellen sind:

  • fetter Fisch (Lachs, Makrele, Hering)

  • Lein- und Chiasamen

  • Walnüsse


In mehreren Studien konnten Omega-3-Fettsäuren Schmerzen bei Gelenk- und Muskelbeschwerden reduzieren.


Blutzucker und Schmerzempfinden


Starke Schwankungen des Blutzuckers können ebenfalls Einfluss auf das Nervensystem haben. Hoher Zuckerkonsum steht in Zusammenhang mit:


  • erhöhten Entzündungsmarkern

  • stärkerer Schmerzempfindlichkeit

  • erhöhter Müdigkeit und schlechterer Regeneration


Eine stabilere Energieversorgung durch ballaststoffreiche Lebensmittel, komplexe Kohlenhydrate und ausreichend Eiweiß kann die Regeneration unterstützen.


Körpergewicht und Energieversorgung


Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Körpergewicht. Besonders bei Knie- oder Hüftarthrose erhöht jedes zusätzliche Kilogramm Körpergewicht die Gelenkbelastung deutlich. Beim Gehen wirkt etwa das 3- bis 4-fache des Körpergewichts auf das Kniegelenk. Studien zeigen, dass bereits 5–10 % Gewichtsreduktion Schmerzen und Funktion bei Arthrose signifikant verbessern können.


Gleichzeitig wird ein anderer Aspekt oft übersehen: Unterversorgung und zu geringe Muskelmasse können Beschwerden ebenfalls verstärken. Wenn der Körper dauerhaft zu wenig Energie oder Eiweiß erhält, kommt es zu:


  • Abbau von Muskelmasse

  • geringerer Stabilität von Gelenken

  • schlechterer Regeneration von Gewebe

  • erhöhter Ermüdung und Schmerzempfindlichkeit


Gerade bei chronischen Schmerzen versuchen manche Menschen durch stark reduzierte Ernährung Gewicht zu verlieren. Fehlen dabei jedoch ausreichend Eiweiß, Mikronährstoffe und Energie, kann sich die Belastbarkeit des Bewegungsapparates sogar verschlechtern.


Ziel ist daher nicht einfach „weniger Gewicht“, sondern eine ausreichende Energie- und Nährstoffversorgung bei gleichzeitig guter Körperzusammensetzung – also genügend Muskulatur bei möglichst geringem überschüssigem Körperfett


Ernährung ersetzt kein Training – ergänzt es aber


Ernährung allein kann Schmerzen selten lösen. Sie beeinflusst jedoch die biochemische Umgebung, in der Training, Regeneration und Heilungsprozesse stattfinden.

Bewegung verändert die Mechanik des Körpers –Ernährung verändert die Biochemie.

Die Kombination aus Training, entzündungsarmer Ernährung, gutem Schlaf und Stressregulation hat deshalb den größten Einfluss auf langfristige Schmerzreduktion.


Fazit


Schmerz ist ein komplexes Schutzsignal des Körpers – aber er ist nicht immer ein direkter Hinweis auf strukturellen Schaden.

Viele Faktoren beeinflussen, wie stark wir Schmerzen wahrnehmen. Dazu gehören neben Gewebeveränderungen auch Stress, Schlaf, Bewegung und Erfahrungen.


Die moderne Schmerzforschung zeigt deshalb immer deutlicher:

Bewegung und gezieltes Training gehören zu den wirksamsten Maßnahmen bei vielen chronischen Beschwerden. Nicht, weil sie Schmerzen „überdecken“, sondern weil sie dem Körper helfen, wieder Vertrauen in Bewegung aufzubauen und Belastung besser zu regulieren.


Quellen

Buchbinder et al. (2018) – Low back pain: a call for action. The LancetBrinjikji et al. (2015) – MRI findings in asymptomatic individuals. AJNR

Bennell et al. (2017) – Exercise therapy for chronic musculoskeletal pain

Nijs et al. (2021) – Modern pain neuroscience

Calder PC (2017) – Omega-3 fatty acids and inflammatory processes

Brain et al. (2020) – Diet and chronic pain: systematic review

Messier SP et al. (2013) – Weight loss reduces knee osteoarthritis pain

Nijs et al. (2021) – Lifestyle factors in chronic pain

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