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Kinderfüße und Schuhe – worauf Eltern wirklich achten sollten. Serie (2/2)

Tony
26. Juni
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Aug.



Ein Kind beim Schuhe Binden.
Schuhe eines Kindes

Einleitung


Kaum ein Thema sorgt bei Eltern für mehr Unsicherheit als die Wahl der richtigen Kinderschuhe.


Braucht mein Kind feste Schuhe?

Ist eine stabile Fersenkappe wichtig?

Sind Barfußschuhe sinnvoll?

Oder benötigt ein Kinderfuß doch möglichst viel Unterstützung?


Die moderne Forschung betrachtet Kinderfüße heute deutlich differenzierter als noch vor einigen Jahrzehnten. Während früher häufig Stabilität und Führung im Vordergrund standen, rücken heute Bewegungsfreiheit, Sensorik und die natürliche Entwicklung des Fußes stärker in den Fokus.


Kinderfüße sind KEINE kleinen Erwachsenenfüße


Kinderfüße unterscheiden sich deutlich von den Füßen Erwachsener.

Sie besitzen:


  • einen höheren Knorpelanteil

  • weichere Knochenstrukturen

  • eine hohe Anpassungsfähigkeit

  • eine noch nicht vollständig entwickelte Muskulatur


Die Form des Fußes entwickelt sich über viele Jahre. Gerade deshalb können äußere Einflüsse in dieser Phase besonders stark wirken. Während Erwachsene viele Jahre benötigen, um Fehlstellungen zu entwickeln, kann das Wachstum des Kinderfußes durch dauerhaft ungeeignete Schuhe stärker beeinflusst werden.


Fast jedes Kind kommt mit geraden Zehen zur Welt


Ein interessanter Fakt:

Hallux valgus, Hammerzehen oder deutlicher Zehenengstand sind bei kleinen Kindern ausgesprochen selten.

die natürliche, unverformten Füße eines Babys
Füße eines Säuglings

Die meisten Kinder besitzen:

  • gerade Zehen

  • breite Vorfüße

  • ausreichend Abstand zwischen den Zehen

  • eine natürliche Spreizfähigkeit des Fußes


Viele typische Fußdeformitäten entwickeln sich erst im Laufe des Lebens.

Natürlich spielen genetische Faktoren ebenfalls eine Rolle. Dennoch zeigen Untersuchungen, dass Zehendeformitäten in Populationen mit regelmäßigem Schuhgebrauch deutlich häufiger auftreten als in Bevölkerungsgruppen, die überwiegend barfuß leben.


Warum Kinderfüße Bewegung brauchen


Kinder lernen Bewegung nicht durch Stabilität. Kinder lernen Bewegung durch Bewegung. Der Fuß benötigt:


  • unterschiedliche Untergründe

  • sensorische Reize

  • aktive Muskelarbeit

  • Gleichgewichtsanforderungen


Regelmäßiges Barfußlaufen – beispielsweise auf Wiese, Sand oder Waldboden – fördert diese Reize und unterstützt die Entwicklung von Gleichgewicht, Koordination und Fußmuskulatur.


Das bedeutet nicht, dass Kinder ständig barfuß laufen müssen. Es zeigt jedoch, wie wichtig natürliche Bewegungsreize für die Entwicklung eines gesunden Fußes sind.


Der häufigste Fehler beim Schuhkauf


Viele Eltern achten beim Schuhkauf vor allem auf:

  • aufgedruckte Größe

  • Stabilität

  • Halt

  • Dämpfung

  • Markenname


Dabei wird häufig der wichtigste Punkt übersehen:


Die Zehenbox und die Sprengung – zwei oft unterschätzte Merkmale


Die Zehenbox bezeichnet den vorderen Bereich eines Schuhs, in dem sich die Zehen befinden. Idealerweise orientiert sich ihre Form an der natürlichen Form des Vorfußes und bietet den Zehen ausreichend Platz zum Spreizen und Bewegen.


Kinder benötigen ausreichend Platz für:

  • Wachstum

  • Zehenspreizung

  • Gleichgewicht

  • aktive Stabilisierung


Sind Schuhe im Vorfuß dauerhaft zu schmal, können die Zehen ihre natürliche Funktion nur eingeschränkt erfüllen. Gerade die Großzehe spielt jedoch eine entscheidende Rolle für Stabilität, Gleichgewicht und den kraftvollen Abstoß beim Gehen und Laufen.

Kinderschuhe in verschiedenen Farben und Varianten
verschiedene Schuhtypen

Die Sprengung bezeichnet den Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß eines Schuhs. Eine geringe Sprengung ermöglicht eine natürlichere Fußposition und fördert ein gleichmäßigeres Abrollen. Viele Barfuß- und Minimalschuhe besitzen deshalb keine oder nur eine sehr geringe Sprengung.


Worauf Eltern bei Kinderschuhen achten sollten


Aus heutiger Sicht sprechen viele Argumente für Schuhe mit:

  1. ausreichend breiter Zehenbox

  2. möglichst geringer Sprengung

  3. flexibler Sohle

  4. geringem Gewicht

  5. genügend Platz zum Wachsen

Schuhe einer Online-Bestellung
Schuhe im Karton

Weniger entscheidend erscheinen dagegen:

  • besonders feste Fersenkappen

  • sehr starke Dämpfung

  • steife Sohlen


Das Ziel sollte nicht sein, den Fuß möglichst stark zu führen, sondern seine natürliche Entwicklung möglichst wenig einzuschränken.


Die richtige Schuhgröße – warum viele Kinder zu kleine Schuhe tragen


Erstaunlicherweise tragen viele Kinder Schuhe, die bereits zu klein sind.

Ein häufiger Grund - Eltern orientieren sich an der Schuhgröße oder drücken vorne auf den Schuh, um zu prüfen, ob noch Platz vorhanden ist. Beides ist ungenau.

Kinder ziehen ihre Zehen häufig reflexartig ein, wodurch der Schuh größer erscheint, als er tatsächlich ist.


Deshalb nutzen viele Fachgeschäfte und Therapeuten heute Messsysteme wie Plus12.


Was ist Plus12?


Das Plus12 misst die tatsächliche Innenlänge eines Schuhs. Diese kann – trotz identischer Schuhgröße – je nach Hersteller um mehrere Millimeter variieren. Nicht die aufgedruckte Schuhgröße entscheidet also, sondern ob der Schuh tatsächlich zum Fuß passt.

Der Name leitet sich von einer einfachen Empfehlung ab:


Ein Kinderschuh sollte etwa 12 mm Platz vor den längsten Zehen bieten.


Diese Reserve wird benötigt für:

  • natürliches Abrollen

  • Zehenspreizung

  • Wachstum des Fußes


Gleichzeitig sollte ein Schuh nicht deutlich größer sein, da sonst Stabilität und Kontrolle verloren gehen können.



Neue oder gebrauchte Kinderschuhe?


Eine häufige Frage lautet: Sollten Kinderschuhe grundsätzlich neu gekauft werden?


viel getragene Sneaker-Schuhe
ältere Schuhe

Früher wurde dies häufig empfohlen, da sich Schuhe an den Fuß des Vorbesitzers anpassen könnten. Heute wird dies differenzierter betrachtet. Entscheidend ist weniger, ob ein Schuh neu oder gebraucht ist, sondern vielmehr sein Zustand.


Ein gebrauchter Schuh kann problemlos weitergetragen werden, wenn:


  • die Sohle gleichmäßig abgenutzt ist

  • keine deutlichen Verformungen bestehen

  • der Schuh ausreichend flexibel ist

  • Größe und Breite zum Fuß des Kindes passen


Gerade unter Geschwistern werden Schuhe häufig aussortiert, obwohl sie technisch noch in sehr gutem Zustand sind.


Müssen es teure Marken sein?


Nein.


Entscheidend ist nicht der Markenname, sondern die Konstruktion des Schuhs.

Viele klassische Hersteller wie Nike, Adidas oder zahlreiche günstige No-Name-Marken orientieren sich bei ihren Kinderschuhen häufig an der Form von Erwachsenenschuhen.

Typisch sind:

  • schmalere Zehenboxen

  • steifere Sohlen

  • stärkere Dämpfung

  • ausgeprägtere Führungselemente


helle Laufschuhe der Marke Nike
Laufschuhe von Nike

Für bestimmte Sportarten kann das sinnvoll sein. Als Alltagsschuh sind diese Eigenschaften jedoch nicht immer optimal für die natürliche Entwicklung eines Kinderfußes. Umgekehrt müssen gute Kinderschuhe keineswegs teuer sein.


Neben bekannten Herstellern wie:

  • Affenzahn

  • Wildling

  • Froddo

  • Koel

  • Filii

  • bLifestyle


gibt es mittlerweile auch preisgünstigere Marken wie:

  • Hobibear

  • Mishansha

  • WateLves

  • Saguaro


die bei vielen Modellen wichtige Kriterien einer fußgerechten Schuhkonstruktion erfüllen.


Letztlich sollte nicht der Markenname entscheiden, sondern folgende Fragen:


  • Hat der Schuh ausreichend Platz für die Zehen?

  • Ist die Sohle flexibel?

  • Passt die Größe wirklich?

  • Kann sich der Fuß natürlich bewegen?


Sind Barfußschuhe automatisch besser?


Nein.

Barfußschuhe sind kein Qualitätsmerkmal an sich.

Viele erfüllen wichtige Eigenschaften wie:

  • breite Zehenbox

  • flexible Sohle

  • geringe Sprengung


Einige konventionelle Schuhe erfüllen diese Kriterien ebenfalls.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:


Ist es ein Barfußschuh?

Sondern:

Unterstützt dieser Schuh die natürliche Entwicklung des Fußes?


Fazit


Nicht der Markenname entscheidet über einen guten Kinderschuh, sondern ob der Schuh dem Fuß genügend Platz und Bewegungsfreiheit bietet. Ein gesunder Kinderfuß braucht vor allem Bewegung, abwechslungsreiche Untergründe und Schuhe, die seine natürliche Entwicklung möglichst wenig einschränken.


Wer beim Schuhkauf auf diese Eigenschaften achtet, schafft gute Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung der Kinderfüße.




Quellen

Hollander K et al. (2017). Growing-up habitually barefoot influences foot mechanics and motor performance.

Hollander K et al. (2022). Barefoot versus shod motor skill development in children.

Wegener C et al. (2011). Foot characteristics in children and adolescents.

Müller S et al. (2012). The influence of footwear on children's foot development.

Rao UB & Joseph B (1992). The influence of footwear on the prevalence of flat foot.

D'Août K et al. (2009). The effects of habitual footwear use: foot shape and function in native barefoot walkers.

Munteanu SE et al. (2017). Hallux valgus, footwear and foot function.

McKeon PO et al. (2015). The foot core system: a new paradigm for understanding intrinsic foot muscle function.

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