Kinderfüße und Schuhe – worauf Eltern wirklich achten sollten. Serie (2/2)
Aktualisiert: 11. Aug.

Einleitung
Kaum ein Thema sorgt bei Eltern für mehr Unsicherheit als die Wahl der richtigen Kinderschuhe.
Braucht mein Kind feste Schuhe?
Ist eine stabile Fersenkappe wichtig?
Sind Barfußschuhe sinnvoll?
Oder benötigt ein Kinderfuß doch möglichst viel Unterstützung?
Die moderne Forschung betrachtet Kinderfüße heute deutlich differenzierter als noch vor einigen Jahrzehnten. Während früher häufig Stabilität und Führung im Vordergrund standen, rücken heute Bewegungsfreiheit, Sensorik und die natürliche Entwicklung des Fußes stärker in den Fokus.
Kinderfüße sind KEINE kleinen Erwachsenenfüße
Kinderfüße unterscheiden sich deutlich von den Füßen Erwachsener.
Sie besitzen:
einen höheren Knorpelanteil
weichere Knochenstrukturen
eine hohe Anpassungsfähigkeit
eine noch nicht vollständig entwickelte Muskulatur
Die Form des Fußes entwickelt sich über viele Jahre. Gerade deshalb können äußere Einflüsse in dieser Phase besonders stark wirken. Während Erwachsene viele Jahre benötigen, um Fehlstellungen zu entwickeln, kann das Wachstum des Kinderfußes durch dauerhaft ungeeignete Schuhe stärker beeinflusst werden.
Fast jedes Kind kommt mit geraden Zehen zur Welt
Ein interessanter Fakt:
Hallux valgus, Hammerzehen oder deutlicher Zehenengstand sind bei kleinen Kindern ausgesprochen selten.

Die meisten Kinder besitzen:
gerade Zehen
breite Vorfüße
ausreichend Abstand zwischen den Zehen
eine natürliche Spreizfähigkeit des Fußes
Viele typische Fußdeformitäten entwickeln sich erst im Laufe des Lebens.
Natürlich spielen genetische Faktoren ebenfalls eine Rolle. Dennoch zeigen Untersuchungen, dass Zehendeformitäten in Populationen mit regelmäßigem Schuhgebrauch deutlich häufiger auftreten als in Bevölkerungsgruppen, die überwiegend barfuß leben.
Warum Kinderfüße Bewegung brauchen
Kinder lernen Bewegung nicht durch Stabilität. Kinder lernen Bewegung durch Bewegung. Der Fuß benötigt:
unterschiedliche Untergründe
sensorische Reize
aktive Muskelarbeit
Gleichgewichtsanforderungen
Regelmäßiges Barfußlaufen – beispielsweise auf Wiese, Sand oder Waldboden – fördert diese Reize und unterstützt die Entwicklung von Gleichgewicht, Koordination und Fußmuskulatur.
Das bedeutet nicht, dass Kinder ständig barfuß laufen müssen. Es zeigt jedoch, wie wichtig natürliche Bewegungsreize für die Entwicklung eines gesunden Fußes sind.
Der häufigste Fehler beim Schuhkauf
Viele Eltern achten beim Schuhkauf vor allem auf:
aufgedruckte Größe
Stabilität
Halt
Dämpfung
Markenname
Dabei wird häufig der wichtigste Punkt übersehen:
Die Zehenbox und die Sprengung – zwei oft unterschätzte Merkmale
Die Zehenbox bezeichnet den vorderen Bereich eines Schuhs, in dem sich die Zehen befinden. Idealerweise orientiert sich ihre Form an der natürlichen Form des Vorfußes und bietet den Zehen ausreichend Platz zum Spreizen und Bewegen.
Kinder benötigen ausreichend Platz für:
Wachstum
Zehenspreizung
Gleichgewicht
aktive Stabilisierung
Sind Schuhe im Vorfuß dauerhaft zu schmal, können die Zehen ihre natürliche Funktion nur eingeschränkt erfüllen. Gerade die Großzehe spielt jedoch eine entscheidende Rolle für Stabilität, Gleichgewicht und den kraftvollen Abstoß beim Gehen und Laufen.

Die Sprengung bezeichnet den Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß eines Schuhs. Eine geringe Sprengung ermöglicht eine natürlichere Fußposition und fördert ein gleichmäßigeres Abrollen. Viele Barfuß- und Minimalschuhe besitzen deshalb keine oder nur eine sehr geringe Sprengung.
Worauf Eltern bei Kinderschuhen achten sollten
Aus heutiger Sicht sprechen viele Argumente für Schuhe mit:
ausreichend breiter Zehenbox
möglichst geringer Sprengung
flexibler Sohle
geringem Gewicht
genügend Platz zum Wachsen

Weniger entscheidend erscheinen dagegen:
besonders feste Fersenkappen
sehr starke Dämpfung
steife Sohlen
Das Ziel sollte nicht sein, den Fuß möglichst stark zu führen, sondern seine natürliche Entwicklung möglichst wenig einzuschränken.
Die richtige Schuhgröße – warum viele Kinder zu kleine Schuhe tragen
Erstaunlicherweise tragen viele Kinder Schuhe, die bereits zu klein sind.
Ein häufiger Grund - Eltern orientieren sich an der Schuhgröße oder drücken vorne auf den Schuh, um zu prüfen, ob noch Platz vorhanden ist. Beides ist ungenau.
Kinder ziehen ihre Zehen häufig reflexartig ein, wodurch der Schuh größer erscheint, als er tatsächlich ist.
Deshalb nutzen viele Fachgeschäfte und Therapeuten heute Messsysteme wie Plus12.
Was ist Plus12?
Das Plus12 misst die tatsächliche Innenlänge eines Schuhs. Diese kann – trotz identischer Schuhgröße – je nach Hersteller um mehrere Millimeter variieren. Nicht die aufgedruckte Schuhgröße entscheidet also, sondern ob der Schuh tatsächlich zum Fuß passt.
Der Name leitet sich von einer einfachen Empfehlung ab:
Ein Kinderschuh sollte etwa 12 mm Platz vor den längsten Zehen bieten.
Diese Reserve wird benötigt für:
natürliches Abrollen
Zehenspreizung
Wachstum des Fußes
Gleichzeitig sollte ein Schuh nicht deutlich größer sein, da sonst Stabilität und Kontrolle verloren gehen können.
Neue oder gebrauchte Kinderschuhe?
Eine häufige Frage lautet: Sollten Kinderschuhe grundsätzlich neu gekauft werden?

Früher wurde dies häufig empfohlen, da sich Schuhe an den Fuß des Vorbesitzers anpassen könnten. Heute wird dies differenzierter betrachtet. Entscheidend ist weniger, ob ein Schuh neu oder gebraucht ist, sondern vielmehr sein Zustand.
Ein gebrauchter Schuh kann problemlos weitergetragen werden, wenn:
die Sohle gleichmäßig abgenutzt ist
keine deutlichen Verformungen bestehen
der Schuh ausreichend flexibel ist
Größe und Breite zum Fuß des Kindes passen
Gerade unter Geschwistern werden Schuhe häufig aussortiert, obwohl sie technisch noch in sehr gutem Zustand sind.
Müssen es teure Marken sein?
Nein.
Entscheidend ist nicht der Markenname, sondern die Konstruktion des Schuhs.
Viele klassische Hersteller wie Nike, Adidas oder zahlreiche günstige No-Name-Marken orientieren sich bei ihren Kinderschuhen häufig an der Form von Erwachsenenschuhen.
Typisch sind:
schmalere Zehenboxen
steifere Sohlen
stärkere Dämpfung
ausgeprägtere Führungselemente

Für bestimmte Sportarten kann das sinnvoll sein. Als Alltagsschuh sind diese Eigenschaften jedoch nicht immer optimal für die natürliche Entwicklung eines Kinderfußes. Umgekehrt müssen gute Kinderschuhe keineswegs teuer sein.
Neben bekannten Herstellern wie:
Affenzahn
Wildling
Froddo
Koel
Filii
bLifestyle
gibt es mittlerweile auch preisgünstigere Marken wie:
Hobibear
Mishansha
WateLves
Saguaro
die bei vielen Modellen wichtige Kriterien einer fußgerechten Schuhkonstruktion erfüllen.
Letztlich sollte nicht der Markenname entscheiden, sondern folgende Fragen:
Hat der Schuh ausreichend Platz für die Zehen?
Ist die Sohle flexibel?
Passt die Größe wirklich?
Kann sich der Fuß natürlich bewegen?
Sind Barfußschuhe automatisch besser?
Nein.
Barfußschuhe sind kein Qualitätsmerkmal an sich.
Viele erfüllen wichtige Eigenschaften wie:
breite Zehenbox
flexible Sohle
geringe Sprengung
Einige konventionelle Schuhe erfüllen diese Kriterien ebenfalls.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Ist es ein Barfußschuh?
Sondern:
Unterstützt dieser Schuh die natürliche Entwicklung des Fußes?
Fazit
Nicht der Markenname entscheidet über einen guten Kinderschuh, sondern ob der Schuh dem Fuß genügend Platz und Bewegungsfreiheit bietet. Ein gesunder Kinderfuß braucht vor allem Bewegung, abwechslungsreiche Untergründe und Schuhe, die seine natürliche Entwicklung möglichst wenig einschränken.
Wer beim Schuhkauf auf diese Eigenschaften achtet, schafft gute Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung der Kinderfüße.
Quellen
Hollander K et al. (2017). Growing-up habitually barefoot influences foot mechanics and motor performance.
Hollander K et al. (2022). Barefoot versus shod motor skill development in children.
Wegener C et al. (2011). Foot characteristics in children and adolescents.
Müller S et al. (2012). The influence of footwear on children's foot development.
Rao UB & Joseph B (1992). The influence of footwear on the prevalence of flat foot.
D'Août K et al. (2009). The effects of habitual footwear use: foot shape and function in native barefoot walkers.
Munteanu SE et al. (2017). Hallux valgus, footwear and foot function.
McKeon PO et al. (2015). The foot core system: a new paradigm for understanding intrinsic foot muscle function.





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